ZELTIVAL 2010 - was damals geschah
Einen Tag verspätet ging das fünfwöchige Zeltival 2010 mit der überzeugenden Performance der Rockröhre Nina Hagen, deren Konzert wegen Krankheit verlegt werden musste, zu Ende.
„Anstrengend war das Zeltival dieses Jahr, weil direkt im Anschluss an die Eröffnung des neuen Zelthaus, die Mitte Juni gefeiert wurde, aufgebaut werden musste", resümiert Bernd Belschner , der künstlerische Leiter des Zeltivals, und stellt erleichtert fest: „Die Bewährungsprobe hat das neue Ambiente mit Bravour bestanden.“
Künstler, Techniker und knapp 19.000 BesucherInnen reagierten durchweg positiv auf die Akustik und die technische Austattung der Bühne. Das Herz des Zeltivals ist und bleibt aber der schön gestaltete Aussenbereich, der die Gäste vor und nach den Konzerten zum Verweilen einlädt und durch seine besonders ansprechende Atmosphäre dieses Festival weit über die Grenzen der Region bekannt gemacht hat.
Das auch wirtschaftlich erfolgreiche Zeltival-Konzept setzte in diesem Jahr auf einen Programm-Mix von nationalen und internationalen Altstars wie Konstantin Wecker und Hannes Wader, Marianne Faithfull und Blood Sweat & Tears, die im ausverkauften Zelthaus spielten, und jungen Bands wie La Brass Banda aus Bayern, die alle Erwartungen übertrafen. Zu entdecken gab es Hamel aus den Niederlanden und Oquestrada aus Lissabon, die das junge Portugal musikalisch nach Karlsruhe brachten.
„250 Künstler aus 15 Ländern werden ihre positiven Konzerterlebnisse vor einem begeisterungsfähigen Publikum weitererzählen und das Tollhaus und Zeltival bekanntmachen“. So freut sich Bernd Belschner über den internationalen Standard, den das neue Zelthaus nun auch ganzjährig bieten kann und Künstler nach Karlsruhe zieht, die bisher vielleicht einen Bogen um die Stadt gemacht haben.

Im Einzelnen:
Nach Absage wegen Krankheit befand sie sich zum Abschlusskonzert des ZELTIVALS in Hochform: NINA HAGEN, zurückgekehrt zum christlichen Glauben, präsentierte sich als Missionarin ebenso wie als Punk-Diva, mit röhrender Stimme und schräg wie eh und je. Die Message lautete weniger Rebellion denn Konfession, doch alle Fans der schwer in einer Schublade zu verstauenden Sängerin kamen hier voll auf ihre Kosten.

Der portugiesische Fado, ursprünglich reich an Melancholie und Sehnsucht, wird bei der Musik von OQUE STRADA weiterentwickelt. In ihrem Konzert, bei dem sie ihr Album "Tasca Beat" vorstellten, wurde das portugiesische Lebensgefühl, das geprägt ist durch internationale Einflüsse, von der Band um Sängerin Miranda dem Publikum vermittelt. Der ein oder andere ging hier sicher mit etwas Fernweh nach Hause.

Heiss war es auf jeden Fall als die RED HOT CHILLI PIPERS mit ihren durchdringenden Dudelsackklängen ganz neue Töne ins ZELTIVAL-Programm brachten. Einmal quer durch die großen Hits der Musikgeschichte ging das Konzert der schottischen Band mit teilweise eigenwilligen Interpretationen.

"Bei uns in Kuba tanzen alle Menschen, ob groß ob klein, ob alt oder jung..." Damit forderte SIERRA MAESTRA alle Zeltival-Besucher zum Tanzen auf. Und siehe da: es klappte. Selbst die Gäste auf der Tribüne begaben sich auf die Tanzfläche - und so endete ein zweistündiges Son-Konzert doch noch wie es sich gehört.

Mal melancholisch, mal rockig aber immer hoch konzentriert präsentierte sich SOPHIE HUNGER mit ihrer Band. Die junge schweizer Singer-Songwriterin beeindruckte mit ihren außergewöhnlichen stimmlichen Möglichkeiten das ZELTIVAL-Publikum bei ihrem Auftritt.

Südamerikanischen Latin-Crossover bekam man beim Konzert der GRUPO FANTASMA zu hören, der das Publikum nicht lange still stehen ließ: das Zeltparkett wurde kurzerhand zur Tanzfläche erklärt.

Sie spielten so heiß, dass zwischendurch die Feuerwehr anrücken musste. LABRASSBANDA aus Bayern bestachen durch messerscharfe Bläserriffs, satte Sätze und vor allem treibende Grooves. So voll war es beim ZELTIVAL in diesem Jahr noch nicht.

Asien fehlte bisher etwas beim ZELTIVAL, doch seit diesem Abend ist diese Lücke geschlossen - SAMUL NORI NOREUMACHI brachten ihre hohe Kunst nach Karlsruhe und füllten das Zelt mit archaischen Klängen.

INCOGNITO stehen seit über 30 Jahren für energiegeladenen Acid Jazz: mit ihrer Mischung aus Funk, Electric Jazz und Dancepop, unterstützt von stechenden Bläsersätzen, stellten sie beim ZELTIVAL ihr neuestes Album "Transatlantic R.P.M" einem begeisterten Publikum vor.

Viel Stimmung auch beim Doppelpack von SELAH SUE und ÄL JAWALA. Zunächst hinterließ die stimmgewaltige junge Belgierin mit ihrer Band einen hervorragenden Eindruck mit einer vielschichtigen Musik, die von Blues bis Raggamuffin viel unter einen Hut brachte. Anschließend ließen die beliebten Freiburger Balkan Beatz-Experten keinen Zweifel an ihrer Fähigkeit, das Publikum spielend in eine hüpfende Menge zu verwandeln.


Beim neuseeländischen Doppelkonzert von LADI6 & PARKS & THE BLACK SEEDS war von Anfang an Bewegung im Saal: die junge Sängerin Ladi6 und DJ Parks machten im Vorfeld kräftig Stimmung, die von The Black Seeds mit ihrem Mix aus Reggae, Dub und Funk bis zum letzten Ton gehalten wurde. Die Neuseeländer erfüllten mit ihrem Auftritt weit mehr als den Status des Geheimtipps dieses Zeltivals.


Same procedure as every year - eine Angelegenheit unter Freunden. Das Aufeinandertreffen von SEAN TREACY BAND und GROOVE INC. war wie in den Vorjahren wieder ein Fest für alle, im Publikum ebenso wie auf der Bühne. Den Höhepunkt des Abends markierte nicht der Hamburger Gast Pohlmann, sondern Sandie Wollasch in ihrer umwerfenden stimmlichen Rolle des Led-Zeppelin-Organs Robert Plant.

Von Woodstock zum ZELTIVAL - starke Bläser und Legenden. Mehr als 40 Jahre Bandgeschichte vereinten sich auf der Bühne, als Gründungsmitglied Steve Katz mit seiner Band BLOOD, SWEAT & TEARS die Bühne betrat. Das im Vorfeld ausverkaufte Konzert fand weithin Beachtung, und selbst die Leser der Süddeutschen Zeitung konnten in der Konzertkritik erfahren, dass der Karlsruher Thomas Kühn die Truppe schon 1969 in Woodstock erlebt hatte.

Einen grandiosen Abend erlebten über 800 Zuschauer beim Konzert der brasilianischen Newcomerin CÉU, die mit ihrer Musik neue Akzente setzt: darin verschmelzen verschiedene Stilrichtungen zu einem Klangerlebnis, dass auch mit überwiegend leisen Tönen durchdringend und beeindruckend ist.

Wir haben viel gelernt an diesem Abend: der Blues kommt eigentlich aus Bayern und je norddeutscher, desto österreicher: KONSTANTIN WECKER & HANNES WADER bewiesen unbemerkt ihrer zusammen 130 Jahre größte Ausdauer und musikalische Höchstleistung und begeisterten das ZELTIVAL-Publikum satte drei Stunden.

Mit stehenden Ovationen verabschiedete sich am späten Abend das ZELTIVAL-Publikum von Pianist ABDULLAH IBRAHIM, der mit seinem EKAYA SEPTET in bester Spiellaune einen hochkonzentrierten Abend voll wunderschöner Musik in feinen Arrangements geboten hatte. Gerade durch das hochkultivierte Zusammenspiel, in dem solistische Expressivität über weite Strecken im Zaume gehalten wurde, hielt er beim weit über zweistündigen Auftritt die Spannung hoch.

Tuareg und Rockmusik: eine spannende Begegnung zwischen Ost und West konnte man beim Doppelkonzert von DIRTMUSIC & TAMIKREST beobachten. Die beiden Gruppen verbanden ihre unterschiedlichen Stile zu einem harmonischen Erlebnis.

Kurz und knackig hielt MARIANNE FAITHFULL beim Zeltival Audienz. In einer guten Stunde führte sie, alleine von Doug Pettibone an der akustischen Gitarre begleitet, durch die wichtigsten Stationen ihrer über 40-jährigen Karriere, von „As Tears Go By“ über "Broken English" und "The Ballad of Lucy Jordan" bis zu ihrer wunderschönen Version von Merle Haggards “Sing Me Back Home” ihres jüngsten Albums "Easy Come, Easy Go". Am Ende gab es Geschenke der Fans: "Oh Another Fucking Teddy Bear!"

Man sollte ihn sich merken: Mit jugendlichem Charme, sommerlicher Musik, hervorragender Band und Wahnsinnsstimme hat sich HAMEL im Nu in die Herzen des ZELTIVAL-Publikum gespielt. Der Holländer kommt bestimmt bald wieder.

Britischen Humor und musikalische Virtuosität bewiesen THE UKULELE ORCHESTRA OF GREAT BRITAIN bei ihrem Streifzug durch die Musikgeschichte und genossen dafür vom Publikum großen Beifall und Standing Ovations.

Von den Songs ihres wunderschönen, aktuellen Albums "Balm Of Gilead" bis zu ihrem allerersten großen Hit "Chuck E's in Love" zog RICKIE LEE JONES einen großen Bogen durch das Schaffen aus über drei Jahrzehnten, wobei in ihrem knapp zweistündigen Konzert die leisen Töne vorherrschten.

Neben Hits wie "Elane", "Sexy Girl" oder "36 Grad" bleiben 2RAUMWOHNUNG auch mit Songs ihrer neuen CD "Lasso" ihrem mitreißendem Stil aus electro und Rock treu und begeisterten mit ihrer Show das Zeltival-Publikum.

SHANTEL & DAS BUCOVINA CLUB ORKESTAR brachten bei ihrem Auftritt beim ZELTIVAL am vergangenen Montag ein beigeistertes Publikum zum Kochen.

Am Donnerstagabend startete die chilenische COMPAÑIA DE PASO mit ihrer spektakulären Trapezperformance "Un Horizonte Cuadrado" ihr dreitägiges Gastspiel. Damit etabliert das Tollhaus das Genre Neuer Zirkus auch beim ZELTIVAL.

Mit der australischen Urban Roots Band BLUE KING BROWN ist das ZELTIVAL am 05.07. gestartet. Weit über 600 Menschen genossen an diesem Abend ein heißes Konzert und einen warmen Sommerabend auf dem stimmungsvollen ZELTIVAL-Gelände.

Fotos: Winfried Reinhardt
Hier finden sich zum Nachlesen die Infos der vergangenen Veranstaltungen des ZELTIVAL 2010:
SHANTEL & DAS BUCOVINA CLUB ORKESTAR
THE UKULELE ORCHESTRA OF GREAT BRITAIN
KONSTANTIN WECKER & HANNES WADER
GROOVE INC. meets SEÁN TREACY BAND special guest POHLMANN
LADI6 & PARKS sowie THE BLACK SEEDS
